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CityKirchenKonferenz 2019 in Hamburg

von Pastor Dr. Nils Petersen, Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost

Seit fast zwei Jahrzehnten ist die CityKirchenKonferenz (CKK) wieder einmal zu Gast in Hamburg.
Vier Tage lang treffen sich Stadtpastorinnen aus ganz Deutschland, Holland und der Schweiz, um sich über das Verhältnis der Kirche zur Stadtentwicklung, zu Stadtphänomen und kirchlicher Arbeit in urbanen Metropolen auszutauschen. Dabei ist immer eine Stadt als Gastgeberin mit ihrer Arbeit exemplarisch; um sie kennen zu lernen, um Impulse mit nach Hause zu nehmen, aber auch um Impulse von außen in die Stadt zu bringen. Das Thema der diesjährigen Konferenz ist: Kirche im öffentlichen Raum.

1.) Themen der Stadtkirchenarbeit

Die CityKirchenKonferenz wurde vor etwa dreißig Jahren gegründet. Es gibt im Grunde vier Gründungsväter, die auch bis heute mit ihren Ideen und Konzepten die Citykirchenarbeit prägen. Es waren Hans Werner Dannowski (Hannover), Wolfgang Grünberg (Hamburg), Michael Göpfert (München) und Günter Krusche (Berlin), die sich zusammen taten, um einem kirchlichen Phänomen in deutschen Städten ein Forum zu geben. In den meisten deutschen Innenstädten gab es Kirchen ohne Gemeinden. Durch den Zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau der Städte, mit autogerechten Straßen, hatten viele Kirchen ihre umliegende Wohnbebauung verloren. Vom Krieg zwar zerstört wurden aber trotzdem viele Kirchen wieder aufgebaut, obwohl auf Dauer klar war, dass es kein lebendiges Stadtviertel mehr um die Kirchen geben würde. Diese Kirchen lagen nun mitten in den Citys. Sie waren immer Anlaufpunkte für Touristen; sie waren symbolische Orte in den Städten; wichtige Motive für die Stadtkulisse oder für Postkarten; sie waren Konzert- und Ausstellungsräume; spirituelle Orte; und häufig eine finanzielle Belastung.
Im Laufe der vergangenen 30 Jahre hat sich die Politik der Stadtentwicklung deutlich gewandelt. Mit Blick auf Hamburg wird das sehr deutlich. Es ist gar nicht so lange her, da war nach Ladenschluss die Hamburger Innenstadt menschenleer. Wenn man aus dem Passage-Kino kam, war es kaum möglich noch ein Lokal zu finden, um einen Wein oder ein Bier zu trinken. Es gab bis auf wenige kurze Straßenzüge mit verbliebenen Wohnraum, ausschließlich Bürogebäude und Geschäfte. In der amerikanischen Stadtsoziologie sprach man von Donut-Citys. Dieser amerikanische Gebäckkringel, der in der Mitte ein großes Loch hat. Die Innenstadt ist leer und außen herum wird gewohnt. Hier hat es nun eine deutlich Trendwende weltweit gegeben. Zum einen, weil immer mehr Menschen in die Städte ziehen und man Wohnraum braucht, zum anderen weil es mittlerweile als Verlust betrachtet wird, dass diese schönen Innenstädte keinen „Lebensraum“ bieten. Das heißt, die Citykirchen müssen sich zum Einen der sich verändernden Stadt anpassen und zum anderen, die Chance nutzen und die Veränderungen in der Stadt mit gestalten. Wer sich mit diesen Veränderungen der letzten Jahrzehnte beschäftigen möchte, dem lege ich die Publikationsreihe „Kirche in der Stadt“ sehr ans Herz, sie ist das institutionelle Gedächtnis der Citykirchen-Arbeit der vergangenen Jahrzehnte. Hier ist abzulesen, das Phänomene immer gleichzeitig in ganz Deutschland (aber auch in Holland, der Schweiz und anderen europäischen Länder) auftauchen und die Kirchen ähnliche Antworten finden. Die Tafelbewegung ist z.B. so eine Antwort auf das Phänomen der neuen Armut. Zum einen gibt dauerhafte Einrichtungen der Lebensmittelausgabe, um Menschen und ihren Familien den Alltag zu sichern. Zum anderen gibt es die Vesperkirchen (manchmal nennen sie sich anders), die meistens im Winter ein besonderes Angebot machen und Anlaufpunkte werden für gesellschaftlich Benachteiligte. Dieses Phänomen ist nicht neu, sondern kommt in gewissen Zyklen immer wieder auf die Kirchen zu. Nach ein paar Jahren muss nachjustiert werden; „stimmen unsere Angebote noch mit der aktuellen Situation überein?“ Bd. 3 der Reihe „Kirche in der Stadt“ hat sich eben schon vor 25 Jahren unter dem Titel „Die Armen und die Reichen“[1]mit diesem Thema beschäftigt.
Lange Jahre standen die Innenstadtkirchen auf für Erinnerungskultur, als Mahnung und Warnung. Nicht nur die Ruinen, wie die Nikolaikirche an der heutigen Willy-Brandt-Straße, sondern auch die wieder aufgebauten Gebäude. Sie dienen innen und außen als Fläche für Mahnmale und als Symbole menschlicher Zerstörung; sie bieten mit Gottesdiensten, Veranstaltungen und Gedenktagen die Möglichkeit für Gemeinschaft in Trauer und Schuld in einer religiösen Wertegemeinschaft.
Doch kann man sich nicht über Jahrzehnte immer nur erinnern, um das Vergangene zu vergegenwärtigen, denn schließlich sind Kirchen keine Museen. Es gibt ja auch die Gegenwart und die Zukunft. So wurde aus der kirchlichen Kultur des Erinnerns die Kulturkirche. Kulturkirchen[2]gibt es quasi heutzutage in jeder größeren deutschen Stadt. Das Angebot bewegte sich von der Erinnerungs-Kultur hin zur Hoch-Kultur mit Konzerten und Vernissagen, Pop-Musik, Liedermacher und Poetry-Slam.
Viele Jahre wurde in der Theologie das Thema „Räume“ aus verschieden verschiedenen Perspektiven diskutiert. Sie Kirchen heilige Räume, geheiligte Räume oder profane Räume. Theologische Entscheidungen in dieser Diskussion führten auch zu baulichen Konsequenzen. Die typischen Gemeindehäuser mit kirchlichen Multifunktionsräumen sind ein Ergebnis der Diskussion in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in dem Kirchen als profane Räume definiert wurden und Menschen (angeblich) mit dem patriachialen Machtbauten der Vergangenheit nichts mehr anfangen konnten oder wollten. Das führte auch dazu das viele große und beeindruckende Kirchen nicht mehr durch den Haupteingang zu betreten sind. Deutschland weit muss man bei vielen alten, ehrwürdigen Kirchen und Domen den Seiteneingang suchen und irgendwie in den Raum hinein schlüpfen. Das Erlebnis durch den Haupteingang zu kommen, und das Langschiff in seiner ganz Pracht und Macht zu erleben, sollte gebrochen werden. Aber es geht in der Diskussion nicht um umbauten Raum oder um steingewordene Liturgie, sondern auch um den Stadtraum. Welche Rolle kann die Kirche bei der Wiederbelebung der Innenstädte spielen, welche Rolle ergreifen wir als Kirche, weil sie unsere Aufgabe ist? Welche Rolle müssen wir uns erkämpfen oder auch wieder erkämpfen, um als Akteure im öffentlichen Leben gestalten zu können.[3]‘
Aber die Stadtkirchenarbeit reflektiert auch immer aktuelle Phänomene. Das wieder gefunden Interesse an lebendiger und kreativer Liturgie[4]oder das leidige Thema Geld[5]. Im Letzten Jahr war die CityKirchenKonferenz das erste mal im nichteuropäischen Ausland, in Chicago. Dort haben wir uns mit Rassismus in den USA beschäftigt und mit Auswirkungen der Gentrifizierung.
Wahrnehmen, analysieren und kreativ in der Stadt agieren; darum geht es letztlich in der CityKirchenKonferenz seit fast 30 Jahren.

2.) Kirche im öffentlichen Raum

Wie gehen die Hamburger Innenstadtkirchen mit Öffentlichkeit um? Dieses Thema beschäftigt die CitykirchenKonferenz im Oktober diesen Jahres. Gemeinsam mit der Initiative„Altstadt für Alle!“ sind fünf unterschiedliche Exkursionen in Hamburg geplant, um an exemplarischen Orten zu verdeutlichen worum es geht, wenn wir von „Altstadt“ sprechen; um zu zeigen wie Kirche sich in der Stadt positioniert; um die räumliche Situation zu verdeutlichen. Es wird viele Expertengespräche geben, z.B. ein Gespräch zwischen der Bischöfin Kirsten Fehrs und den Journalisten Arnd Henze. Es wird Impulsreferate von Hamburger Professorinnen geben. Zu Gast sein werden: Prof. Dr. Ingrid Breckner (HCU), Prof. Dr. Sonja Keller (Uni HH), Dr. Philine Gaffron (TU Harburg). Es gibt Gesprächspartner Stadt und Verwaltung: Bezirksamtsleiter Falko Droßmann und Dietrich Wersich, erster Vizepräsident der Hamburger Bürgerschaft sind eingeladen. Gemeinsam mit allenKolleginnen und Kollegen aus den Hamburger Innenstadtkirchen haben wir ein wirklich interessantes und hoffentlich inspirierendes Programm zusammen gestellt. Die Zusammenarbeit im Hamburger Netzwerk der Citykirchen war ganz wunderbar, sodass die Konferenz mit Sicherheit lange nachwirken wird.

Es sind die Hauptkirchen als dominante und deutlich sichtbare Innenstadtkirchen natürlich wichtig, um Kirche in Hamburg zu zeigen, aber auch kleine und besondere Projekte wie die Flussschifferkirche finden Raum und die ökumenische Zusammenarbeit wird im Programm deutlich. Wir sind in der Ferdinandstraße in der Reformierten Kirche und im Ökumenischen Forum zu gast. Gemeinsam bespielen wir als Kirchen den öffentlichen Raum.

3.) Unterschiedliche Konferenzkultur

Die CityKirchenKonferenz ist eine evangelische Konferenz und so ist die erkennbare Ökumene auch eher eine inner-evangelische Ökumene, was allerdings katholische Geschwister nicht ausschließt. Es sind auch immer katholische TeilnehmerInnen herzlich willkommen und dabei. Es fällt aber konfessionell auf, dass es deutlich unterschiedliche Entscheidungsstrukturen in den Kirchen gibt, die nicht einfach so kopierbar sind. Zwar können wir an vielen Stellen von einander lernen, aber Vieles ist nicht einfach so zu übernehmen. So zeigt sich in der Stadtkirchenarbeit ein weiteres Phänomen. Es gibt nämlich im deutschsprachigen Raum zwei Konferenzen. Die evangelische CityKirchenKonferenz und die ökumenische Konferenz der Citykirchen-Projekte. In der Konferenz der Citykirchen Projekte sind die katholischen Geschwister in der deutlichen Mehrheit. Möglicherweise liegt das darin begründet, dass die katholische Kirche anders, projektbezogener auf Stadtphänomene reagiert und das dann häufig auch mit sehr gut ausgestatteten Projekten selbstbewusst tut.
Ich nehme als Hamburger Pastor seit zehn Jahren regelmäßig an beiden Konferenzen teil und das ist wirklich ein Gewinn, weil diese Konferenzen unterschiedlicher nicht sein können.
Die CityKirchenKonferenz ist älter, sie hat etwas Chaotisches und lebt zum einen von einer großen Empathie (oft auch Freundschaften) der TeilnehmerInnen untereinander. Die CKK wollte sich nie einer Dachorganisation anschließen oder Verwaltungsstrukturen aufbauen. Es gibt keine Homepage, keine Logo, …, nichts was man heute für üblich erachtet. Das macht einen großen Reiz aus. Es gibt einen SprecherInnen-Rat der nach jeder Konferenz neu gewählt wird, um dann die Konferenz im kommenden Jahr vorzubereiten. Die Konferenz der Citykirchen-Projekte ist viel professioneller aufgestellt. Mit Homepage und Logo; sie findet alle zwei Jahre statt und dazwischen gibt es Akademietagungen zu unterschiedlichen Themen. Leider gibt es wenig Berührungen zwischen diesen beiden Konferenzen. Es sind nur eine Handvoll Personen aus der Stadtkirchenarbeit, die sich zu beiden Konferenz aufmachen. Vielleicht ändert sich das ja, nach der Konferenz in Hamburg. Das wäre ein Gewinn für alle.
Für unsere gemeinsame Arbeit in Hamburg, ist die Konferenz schon jetzt ein Gewinn. Nach anfänglichem Zögern, ist ein großes Engagement gewachsen, alle wollen dabei sein, das Hamburg als gute Gastgeberin eine Konferenz durchführt, die lange und positiv nachschwingt.
Denn letztlich suchen wir doch alle, das Beste für die Stadt.



[1]H. W. Dannowski, W. Grünberg, M. Göpfert, G. Krusche (Hg.): Die Armen und die Reichen.

Soziale Gerechtigkeit in der Stadt? Hinsehen oder Wegsehen: Armut in der Großstadt. EB-Verlag, Berlin ISBN-Nr. 978-3-923002-76-4

[2]H. W. Dannowski, W. Grünberg (Hg.): Kirchen Kulturorte – Kulturorte der Urbanität. EB-Verlag, Berlin ISBN-Nr. 978-3-930826-06-3

[3]In der Reihe „Kirche in der Stadt“beschäftigen sich allein sieben Titel explizit mit diesem Thema: Bd. 8: Hamburg als Chance der Kirche / Bd. 9: Gott in der Stadt / Bd. 11: Räume riskieren /

Bd. 12: „stadt-plan“/ Bd. 13: Der räumliche Gott / Bd. 14: Verstecke Gottes / Bd. 20: Lebendige liturgische Orte.

[4]N. Petersen (Hg.): Stadtliturgien – Visionen, Räume, Nachklänge. EB-Verlag, Berlin ISBN-Nr. 978-3-86893-224-9. Bd 22.

[5]A. Höner (Hg.): Geld und Geist – Mächte, Interessen und Spielräume in der Stadt. EB-Verlag, Berlin ISBN-Nr. 978-3-86893-300-0

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