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Der Wald rauscht

2 Oktober @ 19:00 - 21:00

Ausstellung mit Zeichnung von Rüdiger Tillmann
2.10.-20.11.2019
Vernissage am 2.10.2019 um 19 Uhr mit Musik von John Huges (Kontrabass)

Hast Du jemals die Wälder rauschen gehört? Wie Wellen am Strand: Berauschend, fesselnd, kraftvoll. Dort findet ein eigenes Leben statt, der geordneten Welt der Menschen wesensfremd. Es sind die Tiere, die dort ihr Zuhause haben, Tiere, die nicht domestiziert worden sind, sondern ihrem eigenen Treiben nachgehen. Manchmal bekommt man sie flüchtig zu sehen oder erahnt durch eine plötzliche Bewegung oder ein unerwartetes Geräusch ihre Existenz. Ihr geheimnisvolles Dasein übt eine Anziehungskraft und Faszination aus; stößt man auf einem Spaziergang durch den Wald unvermittelt auf einen Fuchs oder einen Elch, erzählt man noch lange davon. Aber es sind nicht nur die Tiere, die ihre Geheimnisse haben. Mit Moos überwachsene Steine und verrottete Baumstümpfe können Mystik erzeugen und regen die Fantasie an. So sind Wälder auch seit Jahrhunderten das Zuhause von Trollen und Hexen, Riesen und Elfen. Hinter den Rücken der Menschen führen sie ihr Dasein, uralt und fantastisch. Wenn sich Nebel über einen Waldsee senkt, kann man die Elfen darin tanzen sehen, trifft man auf große Felsbrocken, ist es leicht sich vorzustellen, dass ein Riese sie dahingeworfen hat. Der Wald bietet eine Projektionsfläche und ist scheinbar das, was die moderne Zivilisation nicht ist: Wild, mystisch und natürlich.

Gleichzeitig hat der Wald mit dem Einzug der Moderne seinen Charakter geändert und ist nicht mehr das, was er einmal war. Im Laufe der Industrialisierung sind die Ressourcen des Waldes wirtschaftlichen Interessen untergeordnet und der Naturwald ist mehrheitlich kultiviert worden. Die romantische Vorstellung vom Wald ist in die Welt der Märchen versetzt – das heißt, unwirklich geworden. Als Ronja Räubertochter in Astrid Lindgrens Geschichte im Wald zum ersten Mal auf Birk trifft, den Sohn des rivalisierenden Räuberhauptmanns, fordert sie ihn auf sich aus ihrem Wald fern zu halten. Birk erwidert, dass die Einbildung, der Wald gehöre ihr, falsch sei: „Es ist auch der Wald der Wölfe und der Bären, der Elche und der Wildpferde. Und der Wald des Uhus und des Mäusebussards, der Wildtaube, des Kuckucks und des Habichts. Und der Wald der Schnecken und Spinnen und Ameisen. (…) Es ist auch der Wald der Grausedruden und der Graugnomen, der Rumpelwichte und der Dunkeltrolle. (…) Wenn du ihn für dich allein haben willst, dann bist du dümmer, als ich auf den ersten Blick geglaubt habe.“* Ronjas Naivität ist deutlich entlarvt. Aber anders als in dem Märchen von Lindgren haben die realen Wälder Besitzer und es ist keine Selbstverständlichkeit, ihn mit der Fauna, die dort zu Hause ist, zu teilen. Modern kultivierte Wälder sind oft Kulturen mit gleichaltrigen Bäumen derselben Art. Biotope aus altem, abgestorbenen Holz finden dort keinen Raum – dafür werden die Wirtschaftswälder zu sehr „aufgeräumt“ und die Bäume zu früh abgeholzt.

Die Bilder Rüdiger Tillmanns sind deskriptiv, keine romantische Verklärungen: sie zeigen Wälder, so wie sie heute aussehen. Um Eindrücke zu sammeln, ist Tillmann durch den Bayerischen Wald, das Sauerland und in den tiefen Wäldern des schwedischen Smålands gewandert. Die Ergebnisse, mit traditionellem Zeichenhandwerk – Tusche und Stahlfeder – eingefangen, zeigen Hybride aus Kultur und Natur: einen Schießstand umgeben von wildgewachsenem Unterholz, einen angelegten Waldweg neben Baumstämmen, die vom Sturm umgeknickt sind, einen Futterstand im Mischwald. Der enorme Zeitraum, den ein Wald in sich bergen kann, wird anhand eines verrotteten Baumstumpfs neben sprießendem Laubwerk greifbar gemacht. Tillmanns Bilder laden ein, den Wald zu betreten. Wenn man den Schritt wagt und zwischen den Bäumen entlangschreitet, kann man das Rauschen hören.

*Astrid Lindgren, Ronja Räubertochter, Verlag Friedrich Oetinger Hamburg 1982. S. 55

www.derwaldrauscht.de

Details

Datum:
2 Oktober
Zeit:
19:00 - 21:00

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