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Gelingendes Leben

von Pastor Thomas Raape, Evangelisch-reformierte Kirche in Hamburg und Vorstand des Ökumenischen Forums HafenCity

Die Frage nach dem „guten, dem gelingenden Leben“ interessiert mich. Aber das Buch, das ich dazu lesen möchte, hat es in sich. Über 800 Seiten. Hartmut Rosa hat es geschrieben und es heißt „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“.
Den Einstieg in sein Buch macht er mir leicht – mit einer Geschichte. Zwei junge Männer werden uns vorgestellt: Gustav und Vincent. Beide sind künstlerisch begabt und nehmen an einem Malwettbewerb teil. Die Aufgabe: Innerhalb von zwei Wochen sollen sie ein Bild anfertigen. Beim Thema haben sie freie Wahl. Gustav nimmt die Aufgabe sehr ernst. Bevor er mit dem Malen beginnt, braucht er die richtigen Materialien. Eine stabile Staffelei, eine hochwertige Leinwand, Pinsel in allen möglichen Variationen und die richtigen Farben – Acryl oder Öl? Dann die Wahl des Themas: Was überzeugt? Was begeistert? Als er schließlich den ersten Pinselstrich auf die Leinwand bringt, sinkt schon die Sonne des letzten Abends vor dem Abgabetermin.
Die Geschichte von Vincent ist schneller erzählt. Er kramt seinen Zeichenblock hervor, öffnet den Wasserfarbkasten, dreht seine Lieblingsmusik auf – und fängt einfach an. Er lässt sich von der Musik und seiner Stimmung leiten. Nach und nach fügen sich Formen und Farben zu einem Bild zusammen. Am Ende wirft Vincent noch einen prüfenden Blick auf sein Werk und – ja, das ist genau das Bild, das er abgeben will.
Soweit die Geschichte. Ich bekomme Lust weiterzulesen. Gustav ist mir vertraut. Letztes Jahr zum Beispiel: Da habe ich mir vorgenommen zu joggen. D.h. erstmal habe ich Testberichte gelesen – welche Laufschuhe sind am besten, welche Laufbekleidung passt zu mir und – brauche ich auch ein Fitnessarmband? Neben viel Zeit habe ich auch einiges an Geld investiert. Gelaufen bin ich dann nur drei oder vier Mal.
Hartmut Rosa nennt das „Ressourcenfixierung.“ – also ständig fragen: Was brauche ich noch alles, damit ich endlich loslegen kann? Aber allein durch ein gutes Malzubehör ist noch kein Bild entstanden, und durch eine professionelle Laufausrüstung noch kein Meter zurückgelegt. Und Hartmut Rosa geht noch weiter: Dieser „was muss ich noch alles haben“ Blick verhindert nicht nur, dass Gustav ein schönes Bild malt oder ich endlich jogge. Dieser Blick verhindert „gelingendes Leben“.
Radikaler kommentiert Jesus diese Einstellung: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen sollt, auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen sollt. Denn das Leben ist mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung.“ Dann lass ich mich doch gerne von Vincent inspirieren: Also einfach anfangen. Zu malen, zu laufen, zu leben.

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